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Heute haben wir es gut: Schnell die Geburtsdaten in den
Computer getippt, ein paarmal mit der Maus geklickst und schon malt uns
der Rechenknecht das Horoskop auf den Bildschirm. Und das Schönste: Kein
mühseliges Abzählen von Graden mehr. Rote, grüne und blaue Striche
zeigen einem sofort, wer zu wem im Quadrat, Sextil oder Trigon steht. Je
nach Deutungsbuch ist Pluto/Venus dann ein "Helfersyndrom", oder
"Beziehungsschwierigkeiten", ein "Gynäkologe", ein "gesteigertes
Sexualleben", aber auch ein "gestörtes Sexualleben" oder im Extremfall
sogar ein "Alles oder Nichts", das aber auch in ein "Stirb und Werde"
ausarten kann. Was ist nun richtig? Bei dieser Frage wird normalerweise
geantwortet, dass man das im Gesamtzusammenhang des Horoskops sehen muss
– das kann der Computer aber noch nicht so richtig. Hoffentlich werden
sich die Programmierer da noch etwas einfallen lassen. Auf jeden Fall
ist man froh, dass die mittelalterlichen Zeiten Keplers endgültig vorbei
sind, der musste noch mit Zirkel und Winkelmesser arbeiten.
Verwunderlich ist, dass Kepler bis heute in weiten
Kreisen als einer der Gründerväter der Astrologie und der Aspekte gilt.
Verwunderlich vor allem dann, wenn man sich mit seinen Originaltexten
ernsthaft auseinandersetzt. Kepler bezeichnet darin die Astrologie als
"närrische Tochter" der Astronomie, die dazu diene, dem schlecht
bezahlten Mathematiker eine finanzielle Absicherung zu geben.
Nach wie vor geistert die "Aspektlehre nach Kepler"
immer noch durch astrologische Lehrbücher. Vielleicht wollen manche
Autoren der Astrologie damit ein eigentlich überflüssiges
"wissenschaftliches" Fundament geben. Die "Aspektlehre nach Kepler" hat
nur einen Nachteil: Es gibt sie nicht. Was es gibt ist das Büchlein "Von
den gesicherten Grundlagen der Astrologie" aus dem Jahr 1602, in dem der
Astronom Kepler in 75 von ihm so titulierten "Thesen" astrologisch tätig
wird. Und zu dem Schluß kommt, dass aus dem Horoskop allein keinerlei
konkrete Ereignisprognose möglich ist. Keplers Hauptthema ist die
astrologische Wettervorhersage: Hier ein Beispiel:
"Der September ist anfangs wie üblich; am 11. Regen,
Nebel; am 15. und 17. Feuchtigkeit. Dagegen ist am 20. die Konjunktion
zwischen Saturn und Mars einigermaßen ungünstig. Wenn mildes Wetter
vorangegangen ist, werden schon rauhe Stürme eintreten. Wenn jedoch das
Jahr insgesamt feucht sein sollte, werden dicht aufeinanderfolgende
Regengüsse diese Tage beherrschen und Kälte bringen. Verhältnismäßig
viel Nebel. Auch der 27. wird Nebel bringen. Die übrigen Tage sind
normal."
Kepler unterscheidet die Planeten in solche, die Wärme
liefern, und solche, die Feuchtigkeit bringen sollen. Saturn zum
Beispiel ist feucht und kalt, Mars heiß und trocken, Venus feucht und
warm, Merkur warm und trocken, Jupiter seltsamerweise beides nicht,
sondern durchsichtig und rot.
Heute weiß man allerdings, dass die Venus, die "Göttin
der Liebe", keineswegs feucht und warm ist. Auf diesem Planeten herrscht
eine Oberflächentemperatur von ungefähr 500 Grad und die Wolken bestehen
aus Schwefelsäuredämpfen.
Kepler macht seine Wetterprognosen zusätzlich aber davon
abhängig, ob es sich insgesamt um ein warmes, kaltes, oder feuchtes Jahr
handelt, und schreibt, dass zum Beispiel in einem trockenen Jahr auch
der schlimmste Planetenaspekt nichts als ein paar kleine Wölkchen
hervorbringt. Den Mondstand lässt Kepler wegen dessen hoher
Geschwindigkeit bei Wetterprognosen unbeachtet.
Mit menschlichen Schicksalen beschäftigt er sich nicht
im Speziellen, äußert allerdings die Vermutung, dass sich bei
ungünstigen Wetterverhältnissen Krankheiten verschlimmern können. Seine
Ausführungen beziehen sich also beinahe ausschließlich auf
Wettervorhersagen. Zum Thema "Astrologie und Charakterdeutung" sowie
"Astrologie und Ereignisvorhersage" bezieht er dagegen wie folgt
Stellung:
" Demnach die Astrologi nicht nach
den Sternen selber urtheilen, welche alle zeit im Himmel stehen (sonst
müsten alle zeitten ein ander gleich, unnd kein unterscheid der zufällen
sein) sondern nach den Aspecten, hoch oder nider steigen, stillstand,
hindersich oder fürsich lauffen der Planeten; und aber kein Aspect, kein
Obliquitas Zodiaci, kein hindersich weichen inn dem Himmel selbsten,
sondern alles hie bey uns auff Erden also erscheinet (welches mir, die
Aspect betreffend, niemand widersprechen kann) so folgt, daß nicht die
kräffte der Sternen solche underschidliche ding auff Erden würcken, als
einem ein Weib geben, den andern umb das Leben bringen, den dritten zum
König machen: sonsten würd ein Stern mächtig viel zu sinnen haben:
sondern daß vil mehr alle jrdische ding, als unvolkommen, also genatüret,
daß sie sich nach dem gegenwertigen Liecht der Planeten, wie es auff
Erden durch die Aspect vermischt, so wol auch nach denen bewegungen
deren himmel, wie sie auff Erden erscheinen, als nach einer form selber
schicken." (aus dem Buch "Tertius Interveniens",
1610 mit dem Untertitel: "Warnung an etliche Gegner der Astrologie das
Kind nicht mit dem Bade auszuschütten")
Kepler spricht von "acht Beziehungen des
Zusammenklanges" und erweitert die Liste der bisher verwendeten 5
Hauptaspekte (Konjunktion, Quadrat, Opposition, Trigon und Sextil) um
das Quintil, das Biquintil und das Anderthalbquadrat, um auf die Zahl
Acht zu kommen. Das Anderthalbquadrat erklärte er einige Jahre später
als unwirksam und ersetzte es durch das Halbsextil.
Kepler war übrigens streng dagegen, die Bedeutung der
zwölf Tierkreiszeichen den Planeten zuzuordnen, er war auch gegen das
System der sogenannten Häuserherrscher, was heute aber von vielen
Astrologen als wesentlich wichtiger eingeschätzt wird als jeder Aspekt.
Für Kepler gab es die astrologische These "Wie oben, so
unten" nicht. Für ihn hing die Kraft der Sonne vom Winkel der
einfallenden Strahlen ab, senkrecht von oben war die Wirkung kräftiger
und es gab mehr Wärme als am Morgen oder abends, wenn die Strahlen fast
waagrecht auf die Erde trafen. Für die Lichtstrahlen der Planeten galt
das gleiche Prinzip. Im Grunde genommen waren Keplers Aspekte Mischungen
von Lichtstrahlen, die etwas bewirkten (nämlich das Wetter), berechnet
aus den unterschiedlichen Einfallswinkeln zur Erde. |