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Tropisch oder siderisch?

 

"Wie oben, so unten", dieses gerne zitierte Motto, das Grundaxiom der Astrologie, gilt in der westlichen Astrologie schon seit rund 2000 Jahren nicht mehr.

Stand die Sonne um das Jahr 200 nach Chr. bei Frühlingsanfang am 21. März noch real bei ungefähr 0 Grad Widder, so befand sie sich im Jahr 2005 nach Chr. am gleichen Tag schon bei 6 Grad Fische und entfernt sich immer weiter mit einer Geschwindigkeit von ungefähr einem Grad pro 72 Jahren – der astronomische Beginn des gerne zitierten und besungenen "Wassermannzeitalters" fällt also ungefähr in das Jahr 2400 n. Chr.

Die von den westlichen Astrologen angenommenen Gestirnsstände haben auf Grund der Präzession des Fixsternhimmels mit dem aktuellen Geschehen am Himmel nichts mehr zu tun.

Der moderne Astrologe blickt nicht zum Himmel, er schaut auf Computerbildschirme oder Ausdrucke, die ihm ein Abbild von theoretisch angenommenen Gestirnspositionen liefern, dem sogenannten "tropischen Tierkreis". Bei diesem sind die Tierkreiszeichen zwölf hypothetische Abschnitte zu je 30 Grad auf dem scheinbaren Weg der Sonne um die Erde, auch Ekliptik genannt. Für einen westlichen Astrologen beginnt der Tierkreis am 21. März mit dem Sternzeichen Widder, obwohl die Sonne am Himmel zu diesem Zeitpunkt ungefähr auf sechs Grad Fische steht.

Für einen Astrologen, der mit dem tropischen Tierkreis arbeitet sind alle Sternbilder genau 30 Grad groß, was allerdings mit der Realität am Firmament nichts zu tun hat, die tatsächlichen Sternzeichen haben völlig unterschiedliche Größen. Mit diesem "astronomischen Tierkreis", der eigentlich für das Prinzip "Wie oben, so unten" zuständig wäre, arbeitet allerdings niemand in der Astrologie. Warum eigentlich nicht? Nicht, dass der astronomische Tierkreis "richtiger" wäre, als die anderen, die Sternbilder sind ja keine gottgegebenen feststehenden Gebilde, sondern von Menschenhand geschaffene Phantasieprodukte. Um Ordnung in das Sternenchaos am Himmel zu bringen, hat halt irgendwann irgendjemand einige eigentlich Millionen von Lichtjahren entfernte Sonnen zu Gruppen zusammengefasst und behauptet, das sähe jetzt aus wie ein Löwe. Aber wie sieht schon eine Jungfrau aus? Oder ein Wassermann?

Der siderische Tierkreis, der hauptsächlich in der indischen Astrologie verwendet wird, orientiert sich am astronomischen Tierkreis, berücksichtigt also die Präzession der Sternbilder, idealisiert diese jedoch auf 30 Grad Größe, d.h. die größeren Zeichen wie Jungfrau, Fische, Stier oder Löwe werden zugunsten der kleineren an den Enden gekappt. Ist jemand Sternzeichen (also Sonnenstand) Löwe und stolz darauf, so muss er sich damit anfreunden, in der indischen Astrologie sehr wahrscheinlich ein Krebs zu sein.

Ob ein Sternbild ein Sternbild ist, entscheidet die Internationale Astronomische Union. 1922 wurden 88 Sternbilder als verbindlich erklärt. Man kann aber jederzeit zum Himmel blicken und ein neues Sternbild erfinden, man muss nur dafür sorgen, dass es von dieser Institution auch akzeptiert wird.

 

 

Der Tierkreis wird gerne anhand von Naturerscheinungen erklärt.

Etwa so: "Im Widder, im ersten Frühlingsmonat, bricht der Keim ungestüm durch das Erdreich an das Licht empor, im Stier - Mai - verwurzelt und sichert sich das zarte Pflänzchen, im Zwilling - Juni - wächst es weiter und verzweigt sich in den zur Verfügung stehenden Raum, im Krebs - Juli - kommt es zur Befruchtung, im Löwen - August - wächst die Frucht, und in der Jungfrau - September - kommt die Zeit der Ernte."

Eine schöne und romantische Erklärung, die aber nur für die gemäßigten Breiten der nördlichen Erdhalbkugel stimmig ist, und auch das nur, wenn das zitierte Pflänzchen keine Erbse ist, die bekanntlich schon im Juli – zur Zeit des Krebses - geerntet wird. Ein Bewohner Australiens würde sich sehr darüber wundern, dass im März/April ein Pflänzchen zu keimen beginnen soll. Um diese Zeit beginnt bei ihm der Herbst. Ein Afrikaner in der Äquatorgegend kennt überhaupt keine Jahreszeiten, während es im Norden Skandinaviens eigentlich nur zwei gibt: Sommer und Winter. Alle Astrologiesysteme, die sich solcher Naturvergleiche bedienen, sind von vorneherein als fragwürdig zu bezeichnen, außer sie beschränken sich auf die Klassifizierung: "Astrologie für die gemäßigten Zonen der nördlichen Erdhalbkugel", was sie aber in der Praxis nicht tun. Eigentlich bräuchte man hier fünf verschiedene Arten von Astrologie: Außer einer "Astrologie für die gemäßigten Zonen der nördlichen Erdhalbkugel" auch eine "Astrologie für die gemäßigten Zonen der südlichen Erdhalbkugel", eine "Astrologie für die nördliche Polarregion", eine "Astrologie für die südliche Polarregion", und eine "Astrologie für die Äquatorgegend". Wobei sich aber sofort die Frage stellen würde, wo genau denn die Trennungslinie zwischen Äquatorgegend und gemäßigten Breiten liegt. Aber darüber scheint sich kaum jemand Gedanken zu machen. Eine rühmliche Ausnahme ist die deutsche Astrologin Wilma Sommer, die mit ihrem System der dualistischen Astrologie versucht, auf die Problematik von Nord- und Südhalbkugel einzugehen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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