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Die Seite für Astrologie-Schüler

 

 

Haben Wikinger kein Horoskop?
Der astrologische Häuserstreit

 

Tromsö ist mit über 50.000 Einwohnern die größte Stadt des Nordens von Norwegen. In den sommerlichen warmen Sonnennächten steht das Leben nicht still. Die Menschen liegen auf dem Rasen vor dem Dom, in der Fußgängerzone spielen Straßenmusikanten und am Kai sitzen junge Leute und essen frische Krabben. Tromsö hat einen Flughafen, die nördlichste Universität und die nördlichste Brauerei.

 

Was aber hat Tromsö mit astrologischen Häusersystemen zu tun?

Ganz einfach: Es führt alle nicht äqualen Systeme ad absurdum. Jemand, der dort am 27.9.2005 um 14.45 Greenwichzeit geboren ist, hat schlicht und einfach keinen ersten Quadranten, wenn man die gängigen Methoden nach Placidus oder Koch benützt, wie das Beispielhoroskop zeigt. Der MC fällt mit dem AC zusammen, eine Horoskopdeutung nach dem herkömmlichen Schema wird unmöglich. Aber trotzdem leben dort Menschen, amüsieren sich, oder sind Schicksalsschlägen ausgesetzt, wie auch Menschen in Berlin oder New York. Ginge es nach der Münchener Rhythmenlehre, dürften sich die am Nachmittag geborenen Einwohner Tromsös nie ein Bein brechen oder sonstige körperliche Krankheiten entwickeln, da in solchen Fällen stets ein Bezug zum ersten Quadranten gegeben sein muss. Mancher hat aber keinen, oder einen so kleinen, dass kein Planet mehr hineinpasst. Hat man dagegen das Pech, dort um 19.00 Uhr Greenwichzeit geboren zu sein, verabschieden sich die Quadranten zwei und vier.

 

Noch schlimmer wird es, wenn man die Häusermethode des Campanus benützt, das Horoskop für 14.45 Uhr besteht nur noch aus den Feldern eins und sieben.

 

 

Benutzt man das Topozentrische Häusersystem, so gelingt es einem am Computer locker, das erste Haus zwischen das zehnte und elfte Haus fallen zu lassen. Da müsste man mal Rücksprache mit den Programmierern der Software halten.

 

 

Weltweit soll es etwa 25 verschiedene Häusersysteme geben. Wir haben uns auf die Suche gemacht und zwar nicht 25, aber doch eine ganze Menge gefunden:

Placidus, GOH-Häuser (Koch), Regiomontanus, Äquale Häuser, Topozentrische Häuser nach Polich & Page, Regiomontanus, Porphyrius, Petosiris, die natürliche Graduierung nach Evans, Vehlow, die M-Haus-Methode, Campanus, Morinus, die axiale Rotation nach Zariel, Zenit- oder Azimuth-Häuser, Aclabitus, die Ostpunkt-Methode, Albategnius und Ebenesra.

Bei dieser verwirrenden Vielfalt ist guter Rat teuer. Welches System ist das richtige?

 

Die Antwort ist einfach: Normalerweise übernimmt der Astrologieschüler das System der Schule oder des Lehrbuchs seiner Wahl und stellt keine weiteren Fragen.

Rein rechnerisch sind alle Systeme in sich stimmig, die Unterschiede ergeben sich aus der philosophischen Anschauung. Die meisten Systeme gehen davon aus, dass das erste Haus mit dem AC, das zehnte Haus mit dem MC zusammenfallen muss, haben also die gleichen vier Quadranten, differieren jedoch in der Berechnung der Zwischenhäuser.

Der Astrologe Dr. Gottfried Briemle hat sich die Mühe gemacht, hier einmal eine Untersuchung vorzunehmen. Ausgehend von der Tatsache, dass bei gleichen Geburtsdaten bei verschiedenen Häusersystemen manche Planetenstände in verschiedene Häuser fallen, hat er 21 Horoskope aus seinem Bekanntenkreis analysiert. Es sollte eigentlich ein leichtes sein, aufgrund des Charakters festzustellen, ob jemand zum Beispiel den Mars in fünf oder in sechs hat. Sonne in neun oder Sonne in zehn sollte eigentlich auch einen strategischen Persönlichkeitsunterschied ausmachen. In seinem Buch "Das richtige Häusersystem aus astrologischer Sicht" aus dem Jahr 2001 hat Briemle die gängigsten Systeme untersucht und kam zu folgender Reihenfolge in der Stimmigkeit:

Porphyrius 94%
Koch 72 %
Topozentrik 58%
Äqual 54 %
Placidus 52 %
Campanus 46 %
Regiomontanus 42 %

Die überragende Spitzenposition des Porphyrius-Systemes gibt einem zu denken, handelt es sich hier doch um ein Häusersystem, das kaum noch in Gebrauch ist. Wahrscheinlich ist es zu einfach. Die Quadranten werden einfach in drei gleichgroße Abschnitte geteilt und schon hat man die Häuser ermittelt, ohne großartige trigonometrische Rechenoperationen bemühen zu müssen. Zu denken gibt einem auch, dass das bei uns am meisten verwendete System nach Placidus abgeschlagen auf Platz fünf liegt und nur bei der Hälfte aller untersuchten Horoskope stimmige Ergebnisse brachte. Nun sind 21 untersuchte Horoskope keine besonders aussagekräftige Anzahl, wie Dr. Briemle auch sofort selber zugibt und seine astrologischen Kollegen zu weiteren Untersuchungen aufgefordert hat.

Alle getesteten Personen stammen aus dem deutschen Raum um den 48sten Breitengrad.

 
Die Grafiken zeigen zwei Beispielhoroskope vom 17.10.05, Berlin, 15:25 Ortszeit. Oben mit Feldern nach Placidus, die Sonne steht im achten Haus, unten die Methode nach Porphyrius mit Sonne in neun.

Briemle hat auch die Entdeckung gemacht, dass man mit dem System nach Porphyrius gradgenau arbeiten kann. Entweder ein Planet steht im achten Haus, oder er tut es nicht. Aussagen wie "der steht schon Spitze neun" soll man hier nicht verwenden. Dieses "steht schon Spitze" ist eigentlich ein guter Grund, das Placidus-System abzulehnen, da hier scheinbar die Häuserspitzen nicht stimmen. Viele Astrologen behelfen sich damit, zu sagen, wenn ein Planet im letzten Sechstel eines Feldes steht, dann gehört er schon zum nächsten. Warum also kein Häusersystem, dass diese "Sechstel" mit einbezieht?

Alle Häusersysteme, die das erste Haus am AC und das zehnte am MC beginnen lassen, funktionieren nur bis zum 66. Breitengrad. Ab dann kommt es zu so – bisher in keinem Aspektlehrbuch erwähnten - Erscheinungen wie AC Konjunktion MC, mit der Folge, dass komplette Quadranten verschwinden.

 
 

Es kann auch schon mal vorkommen, dass die Sonne im Horoskop im Juni unter der Achse AC-DC steht, also unter dem Horizont. Und das zu einer Zeit, an der an diesem Ort in echt eigentlich die Mitternachtssonne zu sehen ist, die Sonne also wochenlang nicht unter dem Horizont versinkt, wie das nebenstehende Horoskop aus Hammerfest in Norwegen vom 2.6.2006, 23.16 GMT zeigt. Die Sonne steht unter der Linie AC-DC, damit unter dem Horizont. Vom 16. Mai bis 27. Juli geht die Sonne in Hammerfest allerdings überhaupt nicht unter.

 

 

Nun ist aber der 66. Breitengrad keine exakte Grenze, man muss sich schon fragen: Stimmt das jetzt am 64sten noch, oder stimmt es schon nicht mehr? Es ergeben sich ja doch schon sehr kleine Häuser.

Hier ein Horoskop aus Trondheim, Norwegen, vom 17.10.2005, 13.52 GMT. Trondheim liegt auf dem 63sten Breitengrad. Stimmen die Placidus-Felder noch oder stimmen sie nicht mehr? Steht Pluto im elften Feld oder steht er schon "Spitze zwölf"?

 

Man müsste hier strenggenommen also von einer "Astrologie bis zum nördlichen Polarkreis" sprechen. Was würde man von einer Religion halten, deren Priester erklären, ihr Gott habe nur bis zum 66. Breitengrad Gültigkeit? Als Entschuldigung mag gelten, dass die meisten Systeme antiken Ursprungs sind und aus dem sonnigen Mittelmeerraum stammen. Wahrscheinlich haben sich die Erfinder von Häusersystemen damals wenig Sorgen um Wikinger-Horoskope gemacht, falls sie überhaupt von deren Existenz wussten.

Nun könnte man einfach sagen: "Nehmen wir doch das Häusersystem, das auch in Skandinavien zu brauchbaren Ergebnissen führt."

Die Schwierigkeit liegt darin, dass Untersuchungen kaum möglich sind, weil man als deutscher Astrologieforscher nicht über Daten und Schicksale von Personen aus diesem Gebiet verfügt. Nach stundenlanger Internetrecherche waren noch nicht mal von den berühmtesten Skandinaviern, den Mitgliedern der Gruppe "ABBA", Geburtszeiten aufzutreiben.

Dr. Koch wurde einmal von Reinhold Ebertin auf das Versagen seines Häusersystems in nördlichen Breiten angesprochen und gab diesem zur Antwort: "So weit oben wohnen keine Menschen mehr".

 
 
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